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Darmstadt / Darmstadt-Dieburg 13.04.2017/ von Udo Döring/ Darmstädter Echo

 

Zwei frühere Mannschaftskollegen, die sich seit einigen Jahren immer wieder als Trainer  gegenüberstehen: Tim Beckmann (links) und  Ralf Ludwig. 	Archivfoto: Jürgen Pfliegensdörfer

 

Am Donnerstagabend (19.30 Uhr) ist wieder Derby-Zeit in der Darmstädter Böllenfalltorhalle: MSG Groß-Bieberau/Modau gegen MSG Groß-Umstadt. Es ist der vorerst letzte Vergleich der Trainer Ralf Ludwig und Tim Beckmann, die beide nach dieser Saison eine Pause einlegen wollen.

 

 

Herr Ludwig, Herr Beckmann, mischt sich angesichts des nahenden Abschieds ein bisschen Wehmut in die Vorfreude auf das Derby?

 

Ralf Ludwig: Ein wenig Wehmut ist schon dabei. Schließlich sind solche Spiele einer der Hauptgründe für unser großes Engagement. Und genau solche Spiele werde ich sicher vermissen. Ich kenne aber auch den Alltag und habe mich ganz bewusst dafür entschieden, nach 15 Jahren Leistungshandball eine Pause einzulegen. Daher freue ich mich auf das vermeintlich letzte Derby, aber eben auch auf einen Sommer ohne Handball.

 

Tim Beckmann: Ich glaube daran, dass man nichts vermissen kann, was man nicht kennt. Und ehrlich gesagt, ist mir die Situation unbekannt, als Spieler oder Trainer nicht in Amt und Würden zu sein. Aus diesem Grund ist bislang noch kein Wehmut vorhanden, sondern vielmehr die Vorfreude auf ein tolles Spiel in Darmstadt. Auch wenn ich natürlich weiß, was ein Derby gegen die MSG Groß-Bieberau bedeutet.

 

Wie schwierig ist die Ausgangslage unter Weggefährten, wenn es für die eine Mannschaft um nichts mehr geht, die andere die Punkte aber dringend für den Klassenerhalt braucht?

 

Ludwig: Für welche Mannschaft geht es um nichts mehr? Das kann ich so nicht stehen lassen. Erstens geht es für uns um die Qualifikation für den DHB-Pokal und zudem um einen Derbysieg. Als Leistungssportler will man immer gewinnen und ist das auch den Fans und Sponsoren schuldig. Erzählen sie mal einem Schalke-Fan, es geht gegen Dortmund um nichts mehr.... undenkbar.

 

Beckmann: Ich glaube, dass die Ausgangssituation für uns deutlich brisanter ist. Groß-Bieberau möchte zu hundert Prozent gewinnen, wir müssen die Punkte holen, so einfach ist es. Auch wenn Ralf lange Jahre in Groß-Umstadt tätig war, ist er aktuell für die sportlichen Geschicke in Bieberau verantwortlich. Ich denke auch, dass die Formulierung „wenn es für die eine Mannschaft um nichts mehr geht …“ falsch ist, denn heute haben wir für so etwas wie die Mutter aller Derbys.

 

Gibt es an eines der Derbys eine besondere Erinnerung?

 

Ludwig: Ja, an mein erstes Derby als Spieler in der Saison 1994/95 in einer knallvollen Ernst-Reuter-Halle und natürlich an das erste Derby am Böllenfalltor in der Zweiten Bundesliga in der Saison 2010/11. Beide Spiele konnte ich – damals noch mit Groß-Umstadt – gewinnen. Zudem erinnere ich mich natürlich sehr gerne an die letzten beiden Derbys im „Bölle“, die wir mit der MSG sehr klar für uns entschieden.

 

Beckmann: Bei mir gibt es da keine konkreten Erinnerungen, ich bin generell aber auch recht vergesslich. Wenn, dann sind es die Emotionen, die in mir erwachen, wenn ich an den Donnerstagabend denke. Spiele in Darmstadt, hier vornehmlich unsere Auswärtsspiele, waren für uns auch immer mit Gelegenheiten verbunden, den großen Verein aus der Nachbarschaft zu schlagen.

 

Wie mühsam war das Vorhaben, unter den Rahmenbedingungen in der Region, aber vor allem in ihren Vereinen, eine konkurrenzfähige Drittliga-Mannschaft aufs Feld zu bringen?

 

Ludwig: Das ist ja einer der Gründe, warum man als Trainer irgendwann eine Pause braucht. Was wir leisten, ist Leistungssport im absoluten Amateurbereich. Neben Beruf und Familie ist das eine Mammutaufgabe, die Dir zwar viel gibt, aber auf Dauer auch unglaublich viel Energie raubt. Ich bin sehr stolz, dass es uns in den letzten Jahren stets gelungen ist, auf diesem Niveau konkurrenzfähig zu sein. Da muss man aber das gesamte Umfeld mit einbeziehen und die vielen ehrenamtlichen Helfer. Vor allem unseren nimmermüden Manager Georg Gaydoul. Er gibt sein Herz für die MSG und schafft es Jahr für Jahr trotz der Rahmenbedingungen eine konkurrenzfähige Mannschaft zu basteln. Das verdient höchsten Respekt.

 

Beckmann: Wie man die letzten Jahre feststellen konnte ist es uns immer schwerer gefallen, mit anderen Drittligisten in der Region mitzuhalten. Dafür sind primär wirtschaftliche Rahmenbedingungen, sportliche Perspektiven und die Konkurrenzsituation in der Region verantwortlich. Wir konnten als TV Groß-Umstadt über Jahre hinweg junge Spieler ausbilden und an uns binden. Gepaart mit arrivierten Kräften war das immer eine vielversprechende Variante. Doch mit zunehmender Leistungsdichte und Professionalisierung in der Region sind mit den Bedingungen in Groß-Umstadt auch die Möglichkeiten gesunken, Zugriff auf Spieler zu bekommen.

 

Sie sind am Donnerstag neben der Spielstätte des hiesigen Fußball-Bundesligisten im Einsatz. Wie schwer tut sich ein Handballtrainer mit der Dominanz des Fußballs in der Sportlandschaft?

 

Ludwig: Ich tue mir damit tatsächlich mittlerweile sehr schwer und gebe hier den Medien eine nicht unerhebliche Schuld. Kommerziell mag das alles verständlich sein, aber gesellschaftspolitisch ist das fast unerträglich. Da gibt es zwölf Berichte bei Sport 1 über den ersten Tag von Pep Guardiola in München. Hier hat er um 9 Uhr gefrühstückt, dort hat er um 10.23 Uhr seine erste Lederhose anprobiert. Und das ist kein Witz. Am Sonntag hat Sergio Garcia bei seinem 74. Anlauf sein erstes Major-Tunier im Golf gewonnen. Überragender Sport. Bei Sport 1 war es eine Randnotiz. Die Topmeldungen waren das Abschlusstraining des BVB und dass Kevin Großkreutz zum SV 98 kommt. Es sind die Medien, die fast nur noch über Fußball berichten. Der Sportfan kann sich, auch wenn er will, dem leider nicht mehr entziehen.

 

Beckmann: Für mich steht fest: „Handball mit Fußball zu vergleichen wäre das Selbe wie Äpfel mit Birnen“. Am Markt treffen sich Angebot und Nachfrage – so entsteht das kommerzielle Konstrukt des Fußballs, das ich akzeptiere, wie es ist. Der Handball steckt hier in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen, hat aber doch einiges aufgeholt. In unserer Dritten Liga erkennt man schnell, dass vor allem die Vereine in der oberen Hälfte stehen, die auch über die höchsten Finanzmittel verfügen. Wenn es aber weiterhin solche „gallischen Dörfer“ wie Darmstadt im Fußball auch im Handball wie mit dem TV Hüttenberg gibt, dann werden wir noch tolle Geschichten verfolgen dürfen.

 

Was schätzen Sie, wie lange Sie den sportlichen Ruhestand aushalten werden?

 

Ludwig: Hier ist wirklich alles möglich. Vielleicht vermisse ich es wirklich sehr, vielleicht aber auch gar nicht. Ich weiss es schlichtweg nicht. Was ich aber weiß: Der Sommer 2017 wird für mich definitiv ohne Handball stattfinden.

 

Beckmann: Aus aktueller Perspektive würde ich sagen, dass es mir erst mal nicht schwer fallen wird. Die vielen vergangenen Saisons haben mich sehr viel an Kraft gekostet. Mit dem Verbleib in der Dritten Liga würde mir der Einstieg in die handballfreie Zeit deutlich leichter fallen, denn mein Wirken in Groß-Umstadt ist für mich mehr als nur ein Trainerjob. Ich habe alle Anfragen von anderen Vereinen abgelehnt. Für mich zählt jetzt die Zeit mit der Familie, die die vergangenen Jahre deutlich zu kurz gekommen ist. Selbstverständlich werde ich den Handball im Rhein-Main-Gebiet weiterhin verfolgen, nur diesmal mit etwas mehr emotionaler Distanz.

Das Interview führte Udo Döring